Buchvorstellung: Patria

Buchcover: Patria

Meine letzte Buchempfehlungen, die ich auf meiner Seite gegeben habe, sind schon eine ganze Weile her. Und dabei handelte es sich fast immer um Sachbücher mit Bezug zu IT-Themen, insbesondere zu meinem Steckenpferd Data Science. Aber mit Stern des Nordens war im Jahr 2018 auch mal eine Romanempfehlung darunter.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich aber ich die Fachbüchern beiseite gelegt und eine alte Leidenschaft zur Belletristik wiederentdeckt. Und dabei habe ich Augen und Ohren offengehalten und Buchtipps aufgenommen, von denen ich dachte, dass sie mich interessieren könnten.

Darunter war in der Tat das ein oder andere Schätzen - und ich habe mir vorgenommen, diese nach und nach hier auf vorzustellen. Los geht es heute mit dem Roman "Patria" von Fernando Aramburu.

Worum geht es in Patria?

"Patria" ist das spanische Wort für "Heimat". Aber das beantwortet natürlich nicht die Frage, wovon das Buch handelt. Aber um das zu beschreiben, muss ich mir gar keine eigenen Formulierungen einfallen lassen. Denn ich denke, diesem Buch können wir uns am besten mit einem Zitat nähern, das unmittelbar daraus entnommen ist. Im letzten Teil des Buches - auf Seite 650 der Taschenbuchausgabe - wohnen wir in der Handlung dem Beginn einer Tagung bei. Dort tritt ein Schriftsteller auf, der jüngst ein Buch über die ETA veröffentlich hat. Die Motivation für sein Werk beschreibt er dabei wie folgt:

"Und dieses Projekt, mittels literarischer Fiktion Zeugnis von den Gräueltaten der Terroristenbande abzulegen, hat in meinem Fall zwei verschiedene Ursprünge. Einmal ist dies die Empathe, die ich den Opfern des Terrorismus entgegenbringe; zum anderen ist es meine radikale Ablehnung von Gewalt und jeglicher Art von Agression dem Rechtsstaat gegenüber."

Ein Schriftsteller in der Handlung von Patria, S. 650.

Was ist das Besondere an diesem Zitat?

Nun, es ist offensichtlich, dass sich das Buch Patria an dieser Stelle selbst beschreibt. Das Buch handelt vom Terror der ETA, jener baskischen Separatistenbewegung und Untergrundorganisation, die von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an bis weit in unser 21. Jahrhundert hinein für unzählige Anschläge und noch viel mehr Opfer verantwortlich ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Autor von Patria - Fernando Aramburu - genau so seine eigene Motivation beschreiben würde, wie es jener fiktive Schriftsteller in der Handlung tut.

Das Buch handelt von zwei baskischen Familien: zunächst sind sie befreundet, dann wendet sich die eine der ETA und damit deren Terror zu, während die andere Familie genau jenem Terror zum Opfer fällt. Was macht das mit der Freundschaft der Familien? Diese Frage steht im Vordergrund der Handlung, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstreckt.

Dieses ungewöhnliche Thema hat mich gereizt, und in Rekordzeit habe ich die rund 750 Seiten (Taschenbuchausgabe) regelrecht verschlungen. Der Erzählstil von Aramburu ist dabei etwas ungewöhnlich. Oder sollte ich gewöhnungsbedürftig schreiben? Denn die Handlung springt munter durch Raum und Zeit: mal sind wir am Anfang der Zeitspanne, mal an deren Ende und mal mittendrin. Und mal wird dabei die eine und mal die andere Familie beschrieben. Außerdem wechselt der Autor an etlichen Stellen von der Erzählung in der dritten Person unvermittelt in den Ich-Erzähler. Aber nur für ein, zwei Sätze - dann wechselt er wieder zurück. Es geht also das gesamte Werk hindurch kreuz und quer durch viele Dimensionen.

Ist das Buch spannend?

Ich würde sagen, nicht in dem Sinne, dass man einem unbekannten Ausgang oder der Entlarvung eines Täters entgegenfiebern würde. Im Prinzip ist durch die vielen zeitlichen Sprünge von Anfang an klar, was passieren wird. Spannend hingegen ist zu erleben, wie und warum das alles passieren wird. Denn es geht darum, wie sich einst "normale Menschen" radikalisieren, einer Terror-Organisation anschließen und dadurch der Freund von gestern plötzlich der Feind von morgen wird.

Und das finde ich spannend!

Aber lassen wir nochmals den eingangs erwähnten Schriftsteller aus der Handlung zu Wort kommen. Er führt an jener Stelle weiter über sein Werk aus:

"Ich wollte auch Antworten auf konkrete Fragen finden. Wie wird man innerlich mit dem Unglück fertig, einen Vater, einen Ehemenann, einen Bruder durch ein Attentat verloren zu haben. Wie bewältigen die Witwen, Waisen und Versehrten ihr Leben nach einem solchen Verbrechen?"

Ein Schriftsteller in der Handlung von Patria, S. 652.

Besser lässt sich der eigentliche Inhalt des Buches - also gewissermaßen der Inhalt hinter der Handlung - nicht beschreiben. Genau darum geht es, dieses Ziel verfolgt der Autor auf jeder Seite seines Romans.

Gelingt dem Autor dieses Ziel?

Ganz klar: Ja! Wenn man sich auf dieses ungewöhnliche Thema einlässt und sich vor allem an den "sprunghaften" Erzählstil gewöhnt hat, kann man viele lebendige, erhellende und insbesondere zum Nachdenken anregende Stunden mit dem Werk verbringen.

Und so lassen wir den namenlosen Schriftsteller aus der Handlung an dieser Stelle ein drittes Mal über sein Werk referieren:

"Und im Wissen um die beiden großen Gefahren dieser Art von Literatur habe ich alles darangesetzt, sowohl den pathetischen Ton des Sentimentalen zu vermeiden als auch der Versuchung zu wiederstehen, das Erzählen der politischen Stellungnahme unterzuordnen."

Ein Schriftsteller in der Handlung von Patria, S. 652.

Das gelingt dem realen Autor genauso gut, wie es sein fiktiver Kollege in der Handlung zum Ausdruck bringt.

Von mir also eine klare Leseempfehlung für dieses ungewöhnliche Thema!

Die Eckdaten zum Buch

Patria
von Fernando Aramburu
Verlag: Rowohlt
ISBN 978-3498001025 (gebundene Ausgabe) oder 978-3499273612 (Taschenbuch)
Link: Das Buch bei Amazon

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